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Ultraleicht-Trekking – Tipps für den Einstieg in die Welt des unbeschwerten Wanderns

10 Dezember 2009 11 Kommentare
- Ultraleicht-Trekking -

- Ultraleicht-Trekking -

Abgesägte Zahnbürsten und Titangeschirr sind das Markenzeichen einer neuen Gattung Trekkingbegeisteter. Einzig und allein das Gewicht der Ausrüstung zählt. Sportlich und jung werfen sie alle Sicherheitsbedenken und jeglichen Komfort über Bord, um leicht und schnell unterwegs zu sein. Oder steckt doch mehr dahinter? Hat die radikale Gewichtsreduktion einen tieferen Sinn? Carsten Jost wirft einen Blick hinter die Kulissen, schildert eigene Erfahrungen und gibt Tipps für den Einstieg in die Welt des Ultraleicht-Trekking.

“Carsten, das ist doch nicht Dein erster Trail, oder?”, fragt mich ein 69-jährige Trekker unterhalb vom Mount Hood in Oregon in den USA. “Nein, mein Dritter und auf dem 2. haben wir uns kennen gelernt”, erwidere ich. “Stimmt!”, sagt der Mann, der mit seinem langen Bart aussieht wie der Weihnachtsmann in kurzen Hosen und das 9. Mal auf dem Pacific Crest Trail unterwegs ist. “Aber warum ist dann Dein Rucksack noch so schwer?”, will er weiter wissen. Eine unangenehme Stille kommt auf, in der ich mir eingestehen muss, dass ich mal wieder zuviel Gepäck dabei habe. Um die 7 Kilo – ohne Lebensmittel und Wasser. Das ist zuviel – da hat unser Trekking-Senior Recht.

Stopp! 7 Kilo für eine Tour, die 4200 Kilometer lang ist, durch verschiedene Klimazonen und über 4000 m hohe und verschneite Pässe verläuft und 5-6 Monate dauert? Und da beschimpft mich der alte Mann, weil das angeblich noch zuviel ist? Irgendwas stimmt da nicht, oder etwa doch?

- Billy Goat am Mount Hood -

- Billy Goat am Mount Hood -

Richtig, da stimmt etwas nicht. Im Trekkingbereich geht die Beratung in Deutschland eigentlich immer in die Richtung von 15-20 Kilo Basisgewicht, wenn man Verkäufer in Outdoorfachgeschäften auf längere Touren anspricht. Schließlich muss die Ausrüstung super-robust und vor allem auch komfortabel sein. Wie kommt es also, dass ein 69-jähriger einen so langen Trek mit einem Rucksack laufen kann, der weniger als 7 Kilo wiegt? Seine Ausrüstung hat Billy Goat, so der Spitzname unseres Trekking-Seniors, schon mehr als 3000 km auf dem Rücken. Mangelnde Robustheit scheint bei seinem Equipment also nicht das Thema zu sein. Niedriger Komfort ist sicherlich auch nicht das Problem, sonst würde er eine solche Mammuttour in seinem Alter und über einen Zeitraum von 5 Monaten wohl auch gar nicht aushalten können.

“Falsch” ist an der ganzen Sache eher der Umstand, dass immer noch so viele Wanderer da draußen einfach viel zuviel Gewicht auf dem Buckel tragen, obwohl das eigentlich gar nicht sein müsste! Ultraleichte Ausrüstung ist auf dem Vormarsch und die Vorteile sind egal für welches Alter offensichtlich. Eine geringere körperliche Belastung ermöglicht es jungen Trekkern mehr Kilometer zu laufen und älteren Wanderern überhaupt erst weiterhin dem geliebten Hobby nachgehen zu können, ohne sich einen Träger leisten zu müssen.

Dabei löst Vertrauen in die eigenen Kenntnisse und Fertigkeiten blindes Ausrüstungsvertrauen ab. Nur weil man einen schweren Rucksack und ein schweres Zelt mit sich rumschleppt, wird die Tour nicht erfolgreich. Ganz im Gegenteil. Die schwere Last führt dazu, dass einem die ganze Aktion mehr als Plackerei denn als Urlaub vorkommt und man sich gelinde gesagt nur von Campstelle zu Campstelle schleppt, um dann dort die Freiheit zu genießen.

- Zeltlager am Pacific Crest Trail -

- Zeltlager am Pacific Crest Trail -

Das Basisgewicht

Aber es geht auch anders … nämlich ultraleicht oder sagen wir einfach mit leichter Ausrüstung. Doch was ist überhaupt leicht und was ziehe ich in die Rechnung mit ein?

Die am häufigsten verwendete Kennzahl ist das so genannte Basisgewicht. Es schließt den Rucksack und alle darin befindlichen Ausrüstungsgegenstände, außer Verbrauchsmaterialien wie Lebensmittel, Wasser und Brennstoffen (Gas, Benzin, etc.), ein. Dieses Basisgewicht gilt gemeinhin als “leicht”, wenn es zwischen 5-10 Kilo liegt. Alles unter 5 Kilo gilt dann als ultraleicht und alles unter 2,5 Kilo als super-ultraleicht. Addiert man das Gewicht der Verbrauchsmaterialien, landet man beim Rucksackgewicht. Ganz amerikanisch kann man danach noch das Gewicht der am Körper getragenen Kleidung und Ausrüstung hinzu addieren, um beim Gesamtgewicht zu landen.

Carsten JostIch habe selbst Jahre lang nicht gewusst, was mein Rucksack überhaupt wiegt. Er war halt schwer, aber ich konnte ihn noch tragen. Immerhin hatte ich ja auch diesen sensationellen Rucksack gekauft, der Lasten bis 40 kg aushält. Ein hilfreicher Schritt auf dem Weg zu leichterer Ausrüstung ist erst einmal, sich das Gewicht der einzelnen Ausrüstungsgegenstände bewusst zu machen. Eine Küchenwaage und eine Tabellenkalkulation helfen hier. Wiegen Sie einfach mal jedes Teil ab und tragen Sie es in die Tabelle ein. Die Summe aller Teile zeigt es Ihnen Schwarz auf Weiß. Sollte Ihre Ausrüstung jetzt über 10 Kilo wiegen, Sie aber Lust haben weniger beschwert auf die nächste Tour zu gehen, dann nehmen Sie sich die folgenden Tipps zu Herzen. Langsam aber sicher wird das Gewicht sinken und Sie leichtfüßiger durch die Lande streifen können.

Es ist übrigens falsch anzunehmen, dass man nur über teure Ausrüstung zu einem leichten Rucksack kommt. Der schnellste Weg ist das Weglassen – und das kostet schon mal gar nichts! Wie oft erwischt man sich dabei nach der Tour seinen Rucksack auszupacken um festzustellen, dass man ein paar Sachen die ganze Zeit kein einziges Mal gebraucht hat. Mit Ausnahme von sicherheitsrelevanten Dingen, wie z.B. einem Erste-Hilfe-Set, sollten Sie genau diese Teile bei der nächsten Tour einfach mal weglassen. Dann gibt es noch Dinge, die man zwar dabei hatte, aber letztlich nur 1-2 Mal gebraucht hat. Hier kann man sich wirklich mal fragen, welchen Kompromiss man lieber eingeht. Ein Teil 2 Wochen lang mitzuschleppen, um es einmal zu benutzen, oder sich im Vorfeld zu überlegen, ob es nicht möglich ist, ohne dieses Teil auszukommen.

Hat man jedoch das Weglass-Potential ausgeschöpft, bleibt nur noch eins: Man muss andere Ausrüstung einsetzen. So schön auch die kleinen Dinge des Lebens sind, bei der Ausrüstung sollten zu Anfang die großen und schweren Gegenstände bei der Gewichtsoptimierung angegangen werden. Wie viele Zahnbürstengriffe muss ich wohl absägen, um ein halbes Kilo zu sparen? Zahnbürste und Co sind die Kür, widmen wir uns also der Pflicht.

- Zeltlager auf dem Pacific Crest Trail -

- Zeltlager am Pacific Crest Trail -

Die großen 4

Isomatte, Schlafsack, Zelt und Rucksack sind die schwersten Gegenstände in der Trekkingausrüstung. Hier kann man schnell und oft auch günstig Gewicht einsparen.

Bei der Isomatte lässt sich das Gewicht am einfachsten reduzieren, wenn man anstatt einer normal langen Schlafunterlage eine 3/4-Matte nimmt. Hierbei liegt der Kopf nicht auf der Matte, sondern auf einem Kissenersatz, z.B. einer Fleecejacke, und die Füße ragen einfach über die Unterlage hinaus oder werden auf den Rucksack gelegt, den man einfach am Fußende platziert. Das stört bei moderaten Temperaturen von Frühjahr bis Herbst gar nicht, spart aber 25% Gewicht ein. Hier kann man zu günstig und gut isolierenden Schaummatten greifen oder selbstaufblasende Matten neuester Generation nehmen. In beiden Fällen bleibt das Gewicht unter 400 Gramm.

Daune ist die erste Wahl, wenn wir gewichtsmäßig an das Thema Schlafsack herantreten. Nichts ist so leicht und isoliert so prima wie eine ordentliche Gänsedaune, die zudem auch noch den angenehmsten Schlafkomfort bietet. Neben einem leichten Daunenschlafsack klassischer Bauart, kann man aber auch mit so genannten Top-Bags oder Quilts weiter an Gewicht einsparen. Topbags haben an der Unterseite zwar noch etwas Stoff, allerdings keine Füllung. Da eine durch das Körpergewicht platt gedrückte Schlafsackfüllung nicht isoliert und ohnehin die Isomatte diese Arbeit übernimmt, kann man konsequenterweise die Füllung im Rückenbereich gleich komplett weglassen. Einen Schritt weiter geht hier sogar noch der Quilt, der letztlich neben der Isolation am Rücken dann auch noch auf das bisschen Stoff verzichtet.

Carsten JostBeim Zelt steht ein breites Spektrum von Möglichkeiten zur Verfügung. Neben teuren Ultraleichtzelten gibt es noch Tarps und Tarptents, die das Gewicht selbst für 2 Personen unter 500 Gramm drücken können. Ein Tarp ist eine Plane aus ultraleichtem und reißfestem Material, welche mit Hilfe von Trekkingstöcken und Abspannschnüren zu einer zeltähnlichen Behausung aufgespannt werden kann. Auch so ist man vor Regen und Wind ausreichend geschützt.

Das größte Einsparpotential bietet allerdings der Rucksack. Ein normaler Trekkingrucksack wiegt zwischen 2,5 und 3 kg, während leichte Rucksäcke nur zwischen 500 und 1000 Gramm auf die Waage bringen. Bei der Wahl des richtigen Leichtgewichtsrucksackes sollte man aber das Gewicht der übrigen Ausrüstung im Auge behalten. Es hilft wenig einen ultraleichten Rucksack mit 20 kg zu beladen. Die gängigen Ultraleicht-Rucksäcke bieten Tragekomfort bis ca. 14 kg. Das reicht bequem für Ausrüstung und Proviant, wenn der Rest der Ausrüstung auch einigermaßen leicht gewählt wurde.

Ein leichterer Rucksack ermöglicht auch das Tragen leichterer Schuhe. Da man befreiter und unbelasteter läuft, muss der Schuh oder Stiefel nicht mehr so schwer und stabil sein. Sicherlich sollte man sein Schuhwerk dem Gelände anpassen, allerdings ermöglicht leichte Ausrüstung einfach das Tragen eines leichteren Schuhs. Studien haben gezeigt, dass sich 500 eingesparte Gramm am Schuhwerk so verhalten wie 2,5 kg weniger Gewicht im Rucksack. Weniger Schuh entlastet also zusätzlich. Das viel gerühmte Umknicken, das bei leichteren Stiefeln oder Schuhen häufiger auftreten soll, wird in der Praxis oft allein schon durch die Verwendung von Trekkingstöcken abgewendet. Umknicken ist weiterhin auch ein Zeichen von Übermüdung durch … ja genau … durch zu schwere Ausrüstung. Beliebt sind unter Weitwanderern Trailrunning-Schuhe. Sollte Ihnen das bei den ersten Schritten der neuen Leidenschaft Ultraleicht-Trekking noch zu wenig Halt versprechen, dann probieren Sie es mit einem zwar noch hohen, aber schon leichteren Wanderschuh.

- Carsten Jost mit leichtem Gepäck -

- Carsten Jost mit leichtem Gepäck -

Die positive Gewichtsspirale

Eine leichtere Ausrüstung hat mehrere positive Effekte, die sich in der Regel sogar gegenseitig verstärken. Ob jung oder alt, ein leichterer Rucksack führt unweigerlich dazu, dass man Distanzen schneller schafft bzw. weitere Strecken an einem Tag zurücklegt. Wenn man weiter pro Tag laufen kann, ist man früher am nächsten Verpflegungspunkt, muss also weniger Proviant mitschleppen, was wiederum den Rucksack leichter macht. Ein leichterer Rucksack führt auch dazu, dass z.B. bei der Regenjacke auf ein leichteres Produkt zurückgegriffen werden kann. Die oft angesprochene Rucksacktauglichkeit von Regenjacken bezieht sich auf die Nutzung in Verbindung mit einem schweren Rucksack. Ein leichterer Rucksack spart bei der Wahl der Jacke also nicht nur Gewicht, sondern im Vergleich zu den robusten Jacken auch noch Geld.

Bleiben wir noch kurz beim Thema Geld sparen. Auch der Eigenbau von Ausrüstung ist im Bereich ultraleichter Ausrüstung möglich und auch von Laien realisierbar. Beispiele sind selbstgebaute Spirituskocher, die man kostengünstig und sehr leicht aus Thunfisch- oder Coladosen in nur wenigen Minuten bauen kann. Aber auch Tarps und Rucksäcke sind im Eigenbau möglich.

Zu guter Letzt muss der Weg zu einem ultraleichten Rucksack auch nicht in einem Schritt gegangen werden. Aufbauend auf bestehender Ausrüstung können Ideen ausprobiert und neue Ausrüstung zugekauft werden, um nach und nach einen sehr leichten Rucksack zu bekommen und unbeschwert loslaufen zu können. Und, es muss ja nicht gleich der Pacific Crest Trail sein …

Text & Fotos: Carsten Jost

Carsten Jost ist einer der erfahrensten Ultraleicht-Trekker und Weitwanderer Deutschlands. In den USA lief er die beiden Klassiker Pacific Crest Trail und Appalachian Trail – zusammen genommen nahezu 8000 km Wegstrecke. Im September diesen Jahres wanderte er den Nordkalottleden in Skandinavien innerhalb von nur vier Wochen. Auf der Panoramaroute der Bergführer war er zuvor schon den Fernwanderweg E5 von Oberstdorf nach Meran gelaufen – in vier Tagen und nur mit einer Umhängetasche ausgerüstet. Mehr über Carsten Jost finden Sie unter www.fastpacking.de/wordpress.

> Fastpacking

Lesen Sie hierzu auch den Folge-Artikel Ultraleicht-Trekking – Tipps für eine Ausrüstung mit geringem Gewicht.

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11 Kommentare »

  • Rio sagt:

    Klasse Artikel,

    ich glaube, wenn man den UL-Leitgedanken verstanden hat, kommt der Drang seine Ausrüstung zu erleichtern schon fast von selbst. :-)

    Danke Carsten!

    Besten Gruß, Rio

  • Hendrik M sagt:

    Klasse Artikel, Carsten. Sehr anschaulich und ausführlich geschrieben, so erklärt man UL dem Novizen und macht in neugierig. Ausgezeichnet!

  • Carsten sagt:

    Ja prima :-)

    Bei richtigem Trekking tut es mir schon immer irgendwie Leid, wenn ich sehe, dass sich Leute mit hohen Lasten abschleppen.

    Noch tragischer finde ich es dann allerdings, wenn man die selben 15-20 kg Rucksäcke auf einer Alpentour sieht, wo die Leute in der Regel in Hütten schlafen und bei weitem mit weniger Gewicht auskommen würden.

    Bis bald

    Carsten

  • Katrin sagt:

    Hallo Carsten,

    toll geschrieben – bin begeistert. Schöne Fotos!

  • Björn sagt:

    Hochinteressanter Artikel – Danke an das Magazin und den Verfasser!

  • Carsten sagt:

    Ja vielen Dank.

    Martin (StadtLandFlucht) hat auch schon gefragt, ob ich im nächsten jahr vielleicht noch einen weiteren Artikel schreiben kann und ich habe ihm sehr gerne zugesagt.

    CU

    Carsten

  • StadtLandFlucht (Autor) sagt:

    Liebe Leserrinnen und Leser,

    wie Carsten (Autor dieses Beitrags) in seinem Kommentar angedeutet hat, werden wir im nächsten Jahr sicherlich einen weiteren Beitrag zum Thema Ultraleicht-Trekking veröffentlichen, in dem konkret Ausrüstung vorgestellt wird, die sich bestens dafür eignet!

    Seid gespannt …

    Das StadtLandFlucht-Team

  • Gundula Kernstock sagt:

    Hallo Carsten,

    besten Dank für Deinen tollen Artikel.

    Ich bin fast 62 Jahre alt (weiblich) und möchte ab April 2011 den AT von Süd nach Nord durchwandern. Dabei bin ich natürlich an leichtester Ausrüstung interessiert. Ein bisschen Sorge habe ich momentan noch, dass ich nicht sehr kältefest bin und leicht friere.

    Ich freue mich auf Deinen neuen Artikel 2010, in dem Du ganz konkret Ausrüstung vorstellen willst. Dies wird mir eine große Hilfe sein.

    Alles Gute für Dich im Neuen Jahr

    Gruß
    Gundula

  • Carsten sagt:

    Hallo Gundula,

    mach Dir keine Sorgen, was die Kälte angeht. Eine leichte Primaloftjacke und ein leichter warmer Daunenschlafsack reichen, um Dich warm zu halten. Und wenn es ganz schlimm kommt, macht man einfach ein Feuer an den Feuerstellen bei den Sheltern.

    Schick mir doch schnell mal Deine Packliste, dann kann ich Dir noch ein paar Verbesserungsvorschläge geben.

    Bis bald

    Carsten aka Sauerkraut

  • Himalaya sagt:

    Interessanter Beitrag. Ausführlich beschrieben, sehr viel versprechend und sehr hilfreich. Tolle Bilder.

  • Peter sagt:

    Schöner Beitrag!
    Kannst Du mir sagen, was für ein Zelt abgebildet ist, sieht schön groß aus …

    Danke und eine gute Zeit.

    Peter

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