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Noch 800 Meter – Im White-Out durch Norwegen

22 Dezember 2009 Ein Kommentar
- An der Dærtahytta, Foto: Martin Hülle -

- An der Dærtahytta, Foto: Martin Hülle -

Zwei Tage sitze ich bereits im Schuppen der Dærtahytta fest. Den Schlüssel für die Haupthütte habe ich nicht, schließlich bin ich auf meiner Skitour durch den Øvre Dividalen Nationalpark im hohen Norden Norwegens mit dem Zelt unterwegs. Aber bei diesem stürmischen Wetter zog ich mich doch lieber in den unverschlossenen Verschlag zurück – zwei Tage zwischen aufgeschichtetem Brennholz und dem Doppelklo der Hütte. Tage, während denen der Wind draußen beängstigend heulte und Schneekristalle gegen das winzige Fensterchen prasselten. Trotzdem – oder gerade deswegen – war es hier drinnen gemütlich. Gegen Ende des zweiten Tages – das ohnehin diffuse Licht ist nahe daran der dunklen Nacht zu weichen – erspähe ich durch eine kleine schneefreie Fläche auf der Scheibe zwei Gestalten, die sich die letzten Meter zur Hütte schleppen.

Es sind Dänen, und sie haben den Hüttenschlüssel des DNT, des norwegischen Touristenvereins. Kurze Zeit später breiten wir uns in der Hütte aus, und nachdem etwas Holz gehackt ist, zieht auch schon bald der Geruch eines wärmenden Feuers durch die Hütte.

Die beiden haben ein GPS-Gerät dabei. Nur mit dessen Hilfe hatten sie die Daertahytta überhaupt finden können. Etwas ungläubig lausche ich ihrer Erzählung, war ich in der Vergangenheit doch immer mit Karte und Kompass ausgekommen.

Durch das “Weiße Nichts”

Auch am nächsten Morgen ist das Wetter noch miserabel. Der stete Wind hüllt die Dærtahytta weiterhin mit dicken Schneeflocken ein. Der etwa 10 Meter entfernte Schuppen ist kaum zu sehen. Dennoch beschließen wir aufzubrechen – das GPS-Gerät der beiden wird uns schon den rechten Weg weisen. Wir schnallen die Skier an und schultern die Rucksäcke.

Schon nach wenigen Metern verliert sich die Dærtahytta hinter uns im White-Out. Wir stapfen und schliddern durch das “Weiße Nichts” – einen konturlosen Raum ohne oben und unten. Nur begleitet von einem eisigen Wind, der den im Gesicht geschmolzenen Schnee sogleich wieder zu einer Eiskruste gefrieren lässt. In meinen Wimpern hängen Eisklumpen und behindern die ohnehin spärliche Sicht.

Während des Laufens bilde ich meist das Schlussicht – die schwere Pulka, die ich zusätzlich zu meinem Rucksack noch hinter mir herziehe, scheint im tiefen Neuschnee versinken zu wollen und lässt sich nur mit brachialer Gewalt von der Stelle locken. Fluchend und keuchend wühle ich mich hinter den beiden her. An diesem Tag bin ich froh, mich nicht um die Orientierung und die Suche nach dem besten Weg kümmern zu müssen. Ich vertraue mich den Dänen an und hoffe, dass sie das GPS-Gerät zu benutzen verstehen.

Wo ist die rettende Hütte?

Nacheinander laufen wir in das GPS eingegebene Wegpunkte an. Ändern dann den Kurs und stolpern weiter in die weiß-graue Unendlichkeit hinein. Ohne exakte Positionsbestimmung würden wir all die Kurswechselpunkte niemals finden. In unmittelbarer Nähe liegende Steinhaufen lassen sich gerade so erahnen. Ob es bergauf oder bergab geht, können wir schon nicht mehr unterscheiden. Das Laufen ist monoton, die Finger werden immer kälter, heranstiebender Schnee gefriert an der Kapuze.

Es ist schon beinahe vier Uhr nachmittags, als uns das GPS-Gerät mitteilt, es seien noch 7 Kilometer. Ernüchterung! Doch wir müssen weiter. Einfach weiter. Wir wollen die Hütte unbedingt erreichen, eine Übernachtung im Zelt bei diesem stürmischen Wetter vermeiden.

Der letzte Abstieg ist zum Glück weniger steil als befürchtet. Wir erreichen den Talboden, der unter der dichten Wolkendecke liegt. Krüppelige Birken sind zu sehen. Irgendwo hier muss die Rostahytta liegen. Es ist nahezu dunkel, als wir das GPS-Gerät zum letztenmal einschalten. Trotz der kälteschwachen Batterien erscheinen nochmals die Koordinaten unseres Standpunktes auf dem Display. Zudem die verbleibende Entfernung zum letzten Wegpunkt – der Rostahytta. Nur noch 800 Meter! Ein kurzer Moment des Glücks – fast haben wir es geschafft.

Um 18:30 Uhr sind wir schließlich dort. Sitzen ausgelaugt in der fünf Grad kalten Hütte. In Sicherheit.

Text & Foto: Martin Hülle

Viele Jahre bevor Martin Hülle, Redakteur des StadtLandFlucht-Magazins, zu abenteuerlichen Expeditionen über das grönländische Inlandeis aufbrach, erlebte er den Sturm und White-Out in Norwegen. Seine Erfahrung war zu dem Zeitpunkt noch gering. Jede weitere Skitour lehrreich. Der Tag zwischen Dærtahytta und Rostahytta im Øvre Dividalen Nationalpark gehört dabei zu seinen eindrücklichsten Erfahrungen.

> Martin Hülle

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Ein Kommentar »

  • Fred sagt:

    Sehr gut geschrieben, man fühlt die Stimmung und die Kälte. Spannend. Vielen Dank!
    Grüße

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