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Olaf Otto Becker – Fotograf der Eisschmelze

22 Dezember 2009 Kein Kommentar
- Above Zero, River 1, 07/2007, Position 12, Foto: Olaf Otto Becker -

- Above Zero, River 1, 07/2007, Position 12, Foto: Olaf Otto Becker -

Für das Projekt „Broken Line“ hat Olaf Otto Becker 4000 Kilometer in einem kleinen motorisierten Schlauchboot entlang der grönländischen Westküste von Ilulissat nordwärts zurückgelegt, um eine Landschaft zu dokumentieren, die starken Veränderungen unterworfen ist. In den letzten beiden Jahren hat der Fotograf daraufhin das Inlandeis der Insel erkundet und sich mit dem Projekt „Above Zero“ wiederum auf die Suche nach Spuren einer schwindenden Landschaft begeben. Wir sprachen mit Olaf Otto Becker über unhandliche Kameras, gebrochene Rippen und die Sorge über das Schmelzen des Eises.

StadtLandFlucht: Herr Becker, kürzlich haben Sie für die New York Times Fotos in Australien gemacht. Sind Ihnen die arktischen Gefilde nach all den Jahren mittlerweile zu kalt geworden?

Olaf Otto Becker: Nein, das nicht gerade. Ich fühle mich immer sehr wohl im Norden. Ich sollte im Auftrag des NY-Times Magazin Landschaftsaufnahmen in den Wetlands des Kakadu National Parks machen. Die Temperaturen mit 40 Grad plus im Schatten waren für mich weniger angenehm als die arktischen Temperaturen. Das Licht um den Äquator ist auch nicht so das, was ich liebe, aber ich habe mich inzwischen darauf eingestellt. Jedes Land hat sein eigenes Licht.

Früher haben Sie gemalt. Zunächst expressionistisch, später abstrakt. Wann und warum kam der Wandel hin zur Fotografie?

Ich wollte eigentlich Bilder finden und nicht erfinden. Nach 6 bis 7 Jahren Malerei hörte ich endgültig mit dem Malen auf und vernichtete alle meine bis dahin gemalten Bilder. Ich begann zu fotografieren. Das war vor ca. 26 Jahren. 20 Jahre lang fotografierte ich ohne jemals auszustellen. 2003 meinte mein bester Freund, ich dürfe meine Bilder nicht mehr für mich behalten und arrangierte ein Treffen mit meinem ersten Galeristen. So kam meine erste Ausstellung zustande.

Olaf Otto BeckerAuch bei den beschwerlichen Unternehmungen in Grönland haben Sie mit einer unhandlichen Großformatkamera analog fotografiert. Aus Gründen der Bildqualität oder ist Ihnen die digitale Bildaufzeichnung für Ihre auf lange Zeit angelegten Projekte zu schnelllebig?

Eine analoge Großformatkamera erlaubt es, die Landschaft auch bei schlechten Lichtverhältnissen sehr fein nuanciert und detailliert festzuhalten. Die feinen Nuancen und Details interessieren mich. Ich habe zur Zeit noch ein wenig Zweifel, ob die digitalen Kameras unter extremen Klimaverhältnissen zuverlässig funktionieren. Zudem reicht mir die Detailauflösung der Kameras noch nicht ganz aus. Ich befasse mich jedoch dauernd mit den Neuerungen der Technik. Ich werde immer die aktuell beste Technik für meine Bilder nutzen. Sobald die Digitaltechnik weit genug für meine Ansprüche ist, werde ich sie einsetzen.

Als Sie vor einigen Jahren mit dem Schlauchboot an Grönlands Westküste entlang fuhren, stießen Sie mit einem Eisberg zusammen und wurden aus dem Boot katapultiert. Mit gebrochenen Rippen lagen Sie auf dem Eis – was dachten Sie? Das war’s, hier komme ich nicht mehr weg?

Ich war sehr erstaunt, wie schnell und unerwartet ein Unglück passieren kann. Als ich dann beschloss mein abgetriebenes Boot bei dem eiskalten Wasser schwimmend zu erreichen, war es ein eigenartiges Gefühl, ins Wasser zu steigen, ohne genau zu wissen, ob ich mein Boot erreichen werde.  Ich hatte trotzdem keinerlei Angst. Ich hätte es akzeptiert, mein Boot nicht zu erreichen.

Und Ihrer Begeisterung für die Schönheiten der Arktis hat der Zwischenfall nicht geschadet?

Nein, der Respekt vor der Natur und meiner eigenen Vergänglichkeit ist noch größer geworden. Mit dem Wissen, dass alles für mich nur begrenzt erfahrbar, erlebbar und begreifbar ist, steigt die Neugier so viel wie möglich in meinem Leben wahr zu nehmen. Es steigt auch der Respekt vor all dem, was ich während meines kurzen Lebens nicht begreifen oder erleben kann. Mir wurde bewusst, dass meine Lebenszeit sehr begrenzt ist. Das ist für mich Grund genug mein Tun danach auszurichten.

- Broken Line, 06 Oquaatsut 2, 07/2003, 69°20’18’’ N, 51°00’18’’ W, Foto: Olaf Otto Becker -

- Broken Line, 06 Oquaatsut 2, 07/2003, 69°20’18’’ N, 51°00’18’’ W, Foto: Olaf Otto Becker -

Schwimmende Berge aus Eis sind ein bestimmendes Motiv in Ihrer Bilderserie „Broken Line“. Dazu die zerklüftete Küstenlandschaft Grönlands. Ab und an ein einzelnes Haus. Allen Aufnahmen sind die geografischen Koordinaten beigefügt. Wie kam es dazu?

Ich möchte andere Reisende und Fotografen einladen, die Orte die ich besucht habe, zu beobachten, damit Veränderungen dokumentiert werden können. In 100 oder 200 Jahren wird sich diese Landschaft deutlich verändert haben. Wir werden die Landschaft verändert haben. Wir sollten darüber nachdenken, was wir hier auf der Erde tun während wir da sind. Die Erde braucht uns nicht, um sich weiterzuentwickeln. Wenn wir hier weiter zu Gast sein wollen, müssen wir uns entsprechend verhalten.

Wann kam Ihnen die Idee, nach der Serie der Eisberg- und Küstenbilder, hinaufzusteigen auf das Inlandeis und das Schmelzen des Eises zu dokumentieren?

Ich bin von 2003-2006 fast jedes Jahr nach Grönland geflogen, um die Küste weiter nordwärts zu erkunden. Auf dem Weg dorthin bin ich immer wieder über das grönländische Inlandeis geflogen. Die türkisblauen Wasseradern und Seen, die man vom Flugzeug aus sehen kann, haben mich fasziniert und gleichzeitig sehr nachdenklich gemacht. Ich begann dann 2005 zu recherchieren, wie ich dort hingelangen könnte, um diese Landschaften aus der Nähe zu dokumentieren.

Ich wusste außerdem seit 2003, dass sich eine Forschungsgruppe um den Professor Konrad Steffen schon lange mit den Veränderungen auf dem Inlandeis beschäftigt. Ich erfuhr, dass in den Jahren 2003 und 2005 gravierende Veränderungen von den Forschern auf dem Inlandeis aufgezeichnet wurden. Im Herbst 2006 trat ich in Kontakt mit Konrad Steffen und erzählte ihm, dass ich Gletscherflüsse und Seen fotografisch dokumentieren wollte. Er stellte mir Satellitenfotos von der NASA zu Verfügung und lud mich ein, ihn im Swiss Camp zu besuchen. Die Satellitenfotos halfen mir die Flüsse und Seen gezielt anzusteuern.

- Above Zero, River 2, 07/2008, Position 6, Foto: Olaf Otto Becker -

- Above Zero, River 2, 07/2008, Position 6, Foto: Olaf Otto Becker -

Wochenlang waren Sie mit Ihrem Begleiter auf dem Eis unterwegs. Wie sahen die Tage aus? Schien niemals die Sonne? Auf allen Bildern sieht man nur bewölkten Himmel!

Georg Sichelschmidt und ich hatten deutlich mehr Schönwettertage als bedeckte Tage. An einigen Tagen hatten wir im Zelt sogar +36° Celsius messen können. Ich brauchte jedoch für meine Aufnahmen bedeckten Himmel. Zum einen wollte ich dem Blau des Wassers nicht noch einen blauen Himmel gegenüberstellen und zum anderen ist die Eislandschaft bei bedecktem Himmel wesentlich plastischer. Das grelle Licht der Sonne mit dunkelblauem Himmel bei „schönem Wetter“ erzeugt auf dem Gletscher extreme Lichtkontraste. Das wäre mir zu laut und zu fröhlich gewesen. Das passte nicht zu dem, was ich zeigen wollte. Also warteten wir teilweise bis zu einer Woche, um das richtige Licht zu bekommen. Georg und ich unternahmen täglich ausgiebige Touren mit leichtem Gepäck, um das jeweilige Areal genau kennen zu lernen. Wenn dann endlich Nebel aufkam oder der Himmel bedeckt war, wusste ich sehr genau, wo ich mit meiner schweren Kamera hingehen musste.

War es nicht gefährlich, sich zwischen all den Flüssen, Seen und Spalten zu bewegen? Keine Angst, im morschen Eis einzubrechen?

Man muss immer sehr achtsam sein, wenn man sich in einer Landschaft fort bewegt, die nicht wirklich vorhersehbar ist. Das Eis krachte schon gelegentlich mal in der Nähe von Gletschermühlen. Wir waren dort immer besonders vorsichtig. Gefährliche Areale mieden wir, wo es möglich war. An einigen Stellen sicherte mich Georg mit dem Seil. Wir waren immer sehr auf Sicherheit bedacht, vielleicht hatten wir aber einfach nur Glück.

Sie haben auch das Swiss Camp besucht, eine Art Forschungsstation auf dem Inlandeis. Wie ist die Einschätzung der Wissenschaftler zur Schmelze des grönländischen Inlandeises und den Auswirkungen des Klimawandels?

Die Wissenschaftler haben deutliche Veränderungen gerade in den letzten 10 Jahren aufzeichnen können. Es bestehen leider keinerlei Zweifel an der Klimaerwärmung. Die Folgen können jedoch nur unzureichend in Zahlen kalkuliert werden. Die wenigen Zahlen, die wir haben, sind jedoch dramatisch. Während die Wissenschaftler an immer genaueren Messmethoden und Zahlen arbeiten, läuft uns die Zeit davon. Die Wissenschaftler versorgen die Entscheider des Klimagipfels in Kopenhagen mit Daten – trotzdem passiert zu wenig. Somit sind die Wissenschaftler eigentlich nichts anderes als professionelle Beobachter einer von Menschen gemachten Katastrophe, sie sind Mahner deren Mahnungen nicht ernst genommen werden.

- Prof. Dr. Konrad Steffen sichert Daten von der Messstation S16, Foto: Olaf Otto Becker -

- Prof. Dr. Konrad Steffen sichert Daten von der Messstation S16, Foto: Olaf Otto Becker -

Die Bilder der Schmelzwasserflüsse und –seen zeigen die wunderbaren Ausformungen im Eis, eine Ästhetik, die fast konträr zu den alarmierenden Zeichen der Natur steht. Hätte es nicht einer dramatischeren Dokumentation bedurft, um mit den Bildern auf die Eisschmelze aufmerksam zu machen und wachzurütteln?

Die Veränderungen, die ich sichtbar mache, sind eine automatische Reaktion auf die weltweite Überbevölkerung. Unsere Erde reagiert auf das Tun der Menschen. Brauchen wir immer nur dramatische Bilder, um zu handeln? Jeder kann sich inzwischen vorstellen, was der Anstieg des Meeresspiegels für die vielen armen Menschen bedeutet, die in den Küstenregionen Asiens oder auf flachen Inseln leben, was die Trinkwasserknappheit in den heißen Gegenden bedeuten wird, was die Dürre für viele Völker für Folgen haben wird. Man muss nicht die Not und das Elend, die Maßlosigkeit und Machtlosigkeit zeigen, um darauf aufmerksam zu machen. Es reicht den Anfang der Geschichte zu zeigen.

Wohin werden die nächsten Reisen führen? Wird uns ein nächstes Projekt erneut Bilder aus der Arktis zeigen?

Momentan wüsste ich nicht, was ich meinen Bildern in der Arktis noch hinzufügen sollte. Das können auch gerne andere Fotografen machen. Es gibt auf der Welt noch so viele brennende Themen, für die es sich lohnt, alles liegen zu lassen und sich sofort auf den Weg zu machen.

Herr Becker, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für Ihre weiteren Projekte!

Interview: Martin Hülle

Olaf Otto Becker wurde 1959 in Lübeck-Travemünde geboren. 1981-1986 Studium Kommunikationsdesign in Augsburg, 1986-1988 Studium Philosophie und Religionswissenschaften in München. Seit 1988 selbständiger Designer und Fotograf. Er lebt in Garching bei München.

Publikationen (Auswahl)
Above Zero, Hatje Cantz, Ostfildern, 2009
Broken Line, Hatje Cantz, Ostfildern, 2007
Unter dem Licht des Nordens, Schaden, Köln, 2005

Preise (Auswahl)
2008 Deutscher Fotobuchpreis für Broken Line

> Olaf Otto Becker

Lesen Sie hierzu auch die Buchvorstellung Olaf Otto Becker – Above Zero und werfen Sie einen Blick in die Bildergalerie Grönland – Die Arktis schmilzt.

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